Ausflug in eine göttliche Sphäre

Exklusives Zusatzmaterial zum Fantasyroman „Lys – Wildes Erbe“ (nicht im Buch enthalten)
Copyright „Ausflug in eine göttliche Sphäre“ by Denise Valentin / Das Geschehen ist der Handlung des Romans vorgelagert.

Lys Wildes Erbe / Copyright: Lysandra Books Verlag / Bild: jozefklopacka - FotoliaEin warmer Glanz haftete auf der vor ihr aus dem Tal emporragenden Stätte und kündete vom Anbruch des Tages. Versunken beobachtete sie, wie der Nebel in die tiefer gelegenen Baumwipfel zurück kroch und den Blick auf das die Felsen herabrinnende Wasser freigab.
„Ich habe dich bei den Feierlichkeiten der Anwärterinnen vermisst!“, ertönte eine um Beherrschung bemühte Stimme aus dem Verborgenen.
Sie sog die Luft ein, schloss die Augen und hielt kurz inne. Diese Unterhaltung war ihr nicht fremd, da sie sie bereits einige Male geführt hatten. Sie kannte die drohenden Konsequenzen für ihr Handeln und doch bereute sie nichts.
„Vergebung, aber andere Dinge erforderten meine Aufmerksamkeit!“, erwiderte sie gefasst. Sie wusste, dass der Ursprung des Ärgernisses nicht in ihrer Abwesenheit bei der Initiation lag.
Ein dumpfes Grollen ließ Himmel und Erde erzittern. Gleich darauf spürte sie seine starke Präsenz. Mit gestrafften Schultern wandte sie sich um und blickte zu einem bärtigen Antlitz auf. Einen Augenblick fragte sie sich, ob er nur auf sie diese einschüchternde Wirkung hatte. Egal wie oft sie ihm schon gegenübergestanden hatte, jedes Mal durchfuhr sie aufs Neue ein ehrfürchtiges Beben ob seiner eindrucksvollen Erscheinung und der wissenden Augen. Rein äußerlich sah man ihm das hohe Alter nicht an, aber seine Schultern trugen die Last von Jahrtausenden.
„Du warst heute Nacht wieder bei ihr.“ Eine Feststellung – keine Frage.
„Syhra bat mich darum. Ich konnte ihr diesen Wunsch nicht abschlagen“, antwortete sie wahrheitsgemäß. Eine Lüge würde ihre Situation nur verschlimmern.
„Du bist nicht nur für ihre Geschicke verantwortlich. Es ist äußerst heikel, sich in diesen unbeständigen Zeiten für eine Seite zu entscheiden“, tadelte er und seine silbergrauen Augen verengten sich. „Es ist an uns, die Balance zu wahren und deine unerlaubten Einmischungen ändern das ganze Gefüge! Das muss ein Ende haben!“
Tapfer begegnete sie seinem durchdringenden Blick. Sie ahnte, dass ihre Unterhaltung heute anders als die vielen Male zuvor enden würde. Die Zeit der Verwarnungen und Schwüre war vorüber. Vergangene Nacht war ihr letzter Alleingang. Von nun an konnte sie ihr nicht mehr helfen. Egal was er entschied, sie würde sich fügen müssen. Man gab ihm keine Widerworte. Oder missachtete ungestraft seine Regeln.
„Unzählige Gefahren schwelen im Verborgenen. Es ist fraglich, wie lange unser Dasein noch seine gewohnten Bahnen beschreitet, sollte in einer der Sphären das Chaos ausbrechen.“ Er fuhr mit seiner Hand unter ihr Kinn und strich mit zwei Fingern hinauf zur Wange. „Ich weiß nicht, ob meine Schwester die richtige Entscheidung getroffen hat, dich in unseren Kreis aufzunehmen!“
Seine Worte trafen sie mehr, als sie ihm zu zeigen gewillt war. Deshalb bannte sie die Gefühle tief in ihrer Brust. Trotzdem schien er einen Teil ihrer Schwingungen aufzufangen.
„Ich kann verstehen, dass du sie schützen willst. Doch es ist nicht an dir, über ihr Schicksal zu bestimmen!“ Mit einem Brummen zog er sie gegen die matt polierte Brustplatte seiner Rüstung. „Vorerst wirst du mit den Anwärterinnen im Tempel arbeiten. Du wirst in keine andere Sphäre reisen. Der Umgang mit Syhra ist dir bis auf weiteres verboten. Setzt du dich noch ein weiteres Mal über unsere Weisungen hinweg, entheben wir dich deines Ranges und du wirst den Weg der anderen Seelen gehen.“
Als seine Stimme verstummte, verschwand auch das kühle Eisen unter ihren Händen und mit ihm dessen Träger.
Sie wusste, dass sie haarscharf der Verbannung entgangen war. Keinesfalls durfte sie das Ultimatum auf die leichte Schulter nehmen, denn Kretos gab nur selten eine zweite Chance.

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