Lysandra Books Adventskalender – Türchen 15

Kurzgeschichten-Türchen unseres Steam Master-Autors Jean Luc

Flug ins Exil

„Haben Sie noch einen Wunsch, Herr Doktor?”
Die sympathische Stimme der Stewardess riss Viktor aus seinen Gedanken. Der Füller hinterließ einen dunkelblauen Fleck oben in der rechten Ecke des Briefbogens.
„Danke”, antwortete er gedankenverloren.
Die Frau nickte lächelnd und stellte das leere Ginglas auf das silberne Tablett. „Der Kapitän bat, Ihnen auszurichten, dass er in einer halben Stunde zum Landeanflug auf Moschna ansetzt.”
Viktor griff in die Seitentasche seiner schwarzen Weste. 15.32 Uhr zeigten die goldenen Zeiger der Taschenuhr. Um 16.00 Uhr in Moschna. Endlich im Exil.
Viktor steckte die Uhr wieder ein, machte es sich in dem ledernen Sessel bequem und setzte den Füllfederhalter erneut auf das leere Blatt Papier.
„Berlin,…“
Berlin? Vor zwei Stunden sind wir vom Luftschiffhafen Tempelhof losgeflogen. Bestimmt sind wir schon über Breslau oder noch weiter im Osten.
Viktor setzte neu an:
„An Bord des Flugschiffes Donar IV, 4. Dezember 1890.
Sehr verehrter Lord Cundringham, …“
Viktor hielt inne, seine Hand streifte über den schwarzen Vollbart.
Archi wird nicht begeistert sein, dass ich den Zirkel verlasse, jetzt wo alle Steam Master so dringend gebraucht werden. Cundringhams Idee eines Etablissements der besonderen Art nimmt endlich Gestalt an, seitdem er vor ein paar Wochen das Gelände des ehemaligen Flugschiffhafens am Rande Londons erworben hat. Aethernanox wird Wirklichkeit.
Vor allem der Fesselballon, der über dem Hotel schweben soll, hat es mir angetan. Zum Höhepunkt kommen wird damit eine ganz neue Bedeutung erlangen. Ich muss ihm die Wahrheit schonend beibringen, ermunterte sich Viktor.
„… mit schwerem Herzen teile ich Ihnen mit, dass ich meine Verpflichtungen gegenüber unserem verschwiegenen Zirkel ruhen lassen muss. Seien Sie jedoch beruhigt, die Pläne für den Lastenaufzug, der in die unterirdischen Gefilde Londons führen soll, werde ich Ihnen bald zukommen lassen.“
Erst gestern hatte Doktor Viktor von Donnersberg, dank bahnbrechender Ergebnisse in der Physik und Biomechanik einer der renommiertesten Wissenschaftler des Reiches, seine offiziellen Ämter bei der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin und an der Universität Breslau niedergelegt.
„Das Deutsche Reich ist ein Hort der Reaktion und des Konservatismus. Wir sind weit von den liberalen Errungenschaften Großbritanniens entfernt. Die Kirche verurteilt meine Arbeit als Gotteslästerung. Meine Standesgenossen werfen mir vor, die abendländischen Werte zu untergraben“, schrieb Viktor weiter.
Diese Dummköpfe!
Er kochte vor Wut. Seine dunklen Augenbrauen zogen sich zusammen.
„Wie Ihr wisst, meine Forschungen lindern Leid und verleihen den Menschen neuen Lebensmut. Ich ersetzte Arbeitern, die bei Unfällen schwer verletzt wurden, Arme und Beine durch metallisch-hydraulische Prothesen. Sie funktionieren einwandfrei! Und was predigen die Pfaffen von der Kanzel herab? Viktor von Donnersberg pfuscht in Gottes Handwerk und vergreift sich am Leben.“
Schwachsinn!
Doch die öffentliche Kritik wuchs und mit ihr der Druck der Eliten auf meine Person.
Fürst Guido von Donnersberg, Familienoberhaupt, Bruder und Vorstand eines Wirtschaftsimperiums aus Bergwerken, Eisenhütten und einer Luftschiff-Linie, hatte Viktor überredet, die Öffentlichkeit zu meiden, bis sich der Sturm der Empörung im Reich gelegt hatte. Guido versprach, dass Viktor auf Moschna, einem der vielen Schlösser der Familie Donnersberg, an seinem Lebenswerk weiter forschen könne. Das abgelegene Jagdschloss würde seinen Bedürfnissen entsprechend angepasst werden. Viktor hatte zugestimmt. Sein Lebenswerk hatte äußerste Priorität! Die Zeit flog ihm davon.
Die seitlichen Antriebsmotoren des Mini-Luftschiffes brummten lauf auf. Die edle Innenausstattung vibrierte. Viktors Füllfederhalter kritzelte eine Zickzack-Linie aufs Papier.
„Herr Doktor, wir sind da“, bemerkte die junge Stewardess, deren weiblicher, gut geformter Körper in einer männlichen Pagen-Uniform steckte. Guido hatte seinem jüngeren Bruder für diese Reise sein privates Mini-Luftschiff zur Verfügung gestellt. Die Donar IV steckte voller Annehmlichkeiten, um vom Firmensitz in Beuthen O/S alle Metropolen Europas schnell und bequem zu erreichen.
„Ich wünschen Ihnen viel Kraft bei der Verwirklichung Ihres Vorhabens.
Hochachtungsvoll, Ihr Viktor von Donnersberg“, schloss Viktor den Brief ab.
Dann blickte er aus der kreisrunden Lucke herunter und entdeckte die Ausläufer des Riesengebirges, das von Schneemassen bedeckt und vor Kälte erstarrt war.
In der nächsten Zeit, womöglich in den nächsten Jahren, würde Schloss Moschna sein Zuhause und sein Laboratorium sein. Diese Abgelegenheit würde ihm guttun. Hier konnte er sich vollkommen auf sein Lebenswerk konzentrieren. Mit Mr Tesla, einer Koryphäe in Elektrotechnik, pflegte Viktor einen äußerst regen Kontakt. Teslas Erfindungsgeist, der keine Grenzen kannte, würde zu Viktors Erfindung entscheidend beitragen.
Der Kapitän dockte die Doner IV am höchsten Punkt von Moschna an. Der fünfzehn Meter hohe Schlossturm verfügte praktischerweise über eine metallische Landerampe für Flugschiffe. Der kalte Ostwind heulte laut auf. Butler Igor und die Köchin Helga, die beiden Hausangestellten des Anwesens, waren in schwere Pelzmäntel eingepackt, um der beißenden Kälte zu widerstehen, während sie auf die Ankunft des neuen Hausherren warteten.
Die Ausstiegslucke des Luftschiffes ging auf, eine Eisenleiter sprang heraus. Der Kapitän und sein Co-Pilot halfen Viktor beim Aussteigen. Er kämpfte mit jedem seiner Schritte, als er die kleine Treppe hinabstieg. Er fühlte sich wie ein Tiefseetaucher, der in einen schweren Unterwasseranzug hineingesteckt wurde. Als würden tausende Tonnen von Wasser auf seinen Körper drücken und jede seiner Bewegungen verzögern.
Viktor verlor zunehmend die Kontrolle über seinen Körper. Eine Erbkrankheit zerstörte das Nervensystem. In einigen Jahren würde er in seinem eigenen Körper lebendig begraben sein. Er rechnete nicht mehr damit, die Einweihung des Aethernanox in London erleben zu können. Etwas, das er Cundringham noch nicht mitteilen würde.
Igor kam den drei Männern mit einem Rollstuhl entgegen. Helga folgte ihm mit einer warmen Decke. Vielleicht gab es Hoffnung? Mr Tesla hatte in seiner Korrespondenz angedeutet, dass Elektrizität Wunder bewirken könnte. So oder so, Viktor von Donnersberg würde seine Forschung auf dem Gebiet der Biomechanik fortsetzen – ungestört von den Angriffen seiner Standesgenossen und der Kirche – und vielleicht würde ihm eines Tages der ganz große Durchbruch gelingen.

(© Jean Luc)